Die japanische NHK hatte gerade dieser Tage ihr “Open House” und zeigte zahlreiche Entwicklungen. Unter anderem auch eine relativ einfache aber sehr wirksame und interessante Lösung für die Übertragung von hochaufgelösten 3D-Bildern. Ein Nachteil bisheriger TV-3D-Verfahren ist ja, dass die beiden Bilder (eines für das rechte und eines für das linke Auge) in unterschiedlicher Weise aber in der Zwischenzeit nach standardisierten Methoden miteinander zu einem neuen Bild (eigentlich ist Frame statt Bild der bessere Ausdruck, weil das Bild je nach Methode visuell nicht vernünftig zu betrachten wäre) verschachtelt wird. Dafür steht nun für das neue Bild jeweils nur die halbe Pixelzahl des rechten bzw. linken Originalbilds zur Verfügung. Das Ergebnis dieser Methode ist als großer Vorteil für die Verwendung normaler Übertragungskanäle ohne Änderungen der Parameter zu sehen, aber der Nachteil ist, dass das Bild für das rechte und linke Auge nur noch halb so hoch aufgelöst, also nicht so scharf ist, wie bei 2D-HDTV. Gerade bei 3D-Übertragungen ist das in Verbindung mit großen Displays recht einschränkend.
Die bei der NHK nun vorgestellte Methode ist von der Idee her relativ simpel. Man überträgt in der bisherigen Weise nur das Bild des zum Beispiel rechten Auges (Objektivs) wie heute jedes andere Fernsehsignal als HDTV über DVB-S oder DVH-C (bei DVB-T wird es irgendwann auch die Version T2 geben, bei der hochzeiliges TV möglich ist). Der Zuschauer sieht damit ein ganz normales 2D-HDTV-Bild wie er es heute gewöhnt ist. Das Bild des linken Auges (Objektivs) wird nicht über die “Fernsehschiene” übertragen sondern über das Internet. Diese Denkvariante ergibt sich zwangsläufig, wenn wir – wie das ja jetzt der Fall ist – die kommenden Fernsehgeräte auch Internetfähig gestalten wollen, als sogenannte HbbTV-Empfänger (Hybrid broadcast broadband TV), die mit Sicherheit in dominierender Anzahl auf der kommenden Funkausstellung im Herbst in Berlin gezeigt werden. Der internetfähige 3D-HDTV-Empfänger, bezeichnen wir ihn mal verkaufsschädigend 3D-HbbHDTV, wäre dann eine Möglichkeit, dem “normalen Fernsehzuschauer” ein “normales HDTV”-Bild ohne jeden Qualitätsverlust zu bieten, während dem Freak mit 3D-HDTV und Internetfähigkeit dann ein volles Qualitäts-HDTV-Bild – ein so genanntes Full-HD-Bild – bei 3D-Wiedergabe zur Verfügung stände. Das wäre eine sehr vernünftige, weil kompatible Lösung und würde dem Absatz von TV-Empfängern nicht schaden, sondern ihn forcieren (denn es wäre qualitativ gesehen eine sogenannte Win-Win-Lösung).
Nun ist das alles nicht so einfach, zumal es sich ja um zwei unterschiedliche Übertragungsmedien mit unterschiedlichem Übertragungsverhalten handelt, die bei 3D gleichzeitig genutzt werden. Das bedeutet, dass das Bildsignal des linken Objektivs in absolut gleicher Weise wie das übliche HDTV-Bild behandelt wird und mit gleicher Codierung über das Internet geschickt wird. Und es muss – und das ist wohl die größte Herausforderung – “augensynchron” wieder ankommen oder richtiger am TV-Empfänger zusammengesetzt werden. Die NHK-Japaner haben sich (zumindest öffentlich) nicht darüber ausgelassen, wie sie es im Detail geschafft haben. Aber immerhin haben Sie bekannt gegeben, dass sie dafür die PTS benutzen, allerdings wahrscheinlich doch wohl modifiziert und deshalb dann nicht mehr der Norm unterliegend. PTS´ sind sogenannte Presentation Time Stamps, also Zeitstempel oder besser Zeitmarken, die bei der digitalen Übertragung von Fernsehsignalen in den Transportstrom eingefügt werden. Sie dienen im allgemeinen dem Decoder zur Synchronisation. Dabei können zum Beispiel “Verspätungen” bei der Decodierung des Bildes (Bildprocessing braucht länger als Tonprocessing) bis zu einem gewissen Umfang kompensiert werden. Bei der japanischen Präsentation wurden die Zeitmarken des rechten und linken Bildes in diese PTS modifiziert, so dass sie mit einer (nicht in heutigen Empfängern vorhandenen) Auswerteschaltung synchronisiert werden können. Die heutigen Displays sind bereits in der Lage, 1080p50-Bilder wiederzugeben. Zwei p50-Bilder ergäben dann das 3D-Bild (eine Brille zur Trennung wäre natürlich trotzdem nötig). Für die Aufnahme wären aber dann 1080p50-Kameras erforderlich.
Man sieht, dass wie oft im Leben die Probleme im Detail liegen, aber im Prinzip gelöst sind. Mit Sicherheit kann man zur diesjährigen IFA keine solchen TV-Empfänger sehen, aber vielleicht wäre zumindest im IFA-Forschungsbereich eine solche Anwendungsdarstellung für den Zuschauer denkbar, wobei man mit dieser PST in modifizierter Form auch noch andere schöne Sachen machen kann, zum Beispiel auf einem Tablett synchron zum Fernsehbild Informationen überlagert anzeigen kann. Und man könnte in den entsprechenden Gremien mit den Broadcastern und der Industrie vielleicht auch darüber reden, welche technischen Anforderungen zu stellen sind, um solche und ähnliche bi-medialen Dinge zu erfüllen. Denn beide Medien – Broadcast und Internet – wachsen nicht nur zusammen. Sie sind bereits wenn auch noch auf sehr rudimentäre Weise inhaltlich zusammengewachsen. Das wurde mir gerade gestern abend wieder klar. Während meine Frau im Wohnzimmer Anne Will und die anderen (meist immer die selben) ständig in den Talkshows sitzenden Gäste rausgelassen hatte, schaute ich mir bei Arte+7 (noch an meinem Laptop) eine höchst interessante Wissenschaftssendung an.
P.S. Nähere Informationen über die NHK-Versuchseinrichtung finden Sie mit Bild
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In einem deutschen Internet-Forum wurde dazu die Frage gestellt, “warum die nicht das zweite Bild mit halber Datenrate als komprimiertes Differenzbild (vgl. MVC Codierung) auf einem weiteren PID des gleichen Transponders übertragen? Wenn jeder billige Sat-Recorder ein Programm anzeigen kann, während ein zweites aufgezeichnet wird, dann sollte diese Lösung keine großen Probleme bringen, außer einer zusätzlichen Intelligenz und mehr Rechenleistung für die Bildverarbeitung.”
Die Problematik der unterschiedlichen Laufzeiten wäre weg…
Ihre Lösung Klaus, finde ich klasse. Nur denke ich, daß es nur die halbe Lösung ist. Denn man eliminiert zwar die unterschiedlichen Übertragungswege, wo es schwieriger ist Latenzen/Laufzeitunterschiede auszugleichen, aber der Synchronisierungsaufwand an sich bleibt bestehen. Denn auch wenn der Sat-Receiver zwei Elementarströme verarbeiten kann, bedeutet dies ja noch nicht, daß diese auch framegenau synchron laufen (wenn man sich bei beiden gesendeten Real-TC vorstellt). Den genialen Gedanken, den ich aus Ihrem Kommentar mitgenommen habe, ist der, daß es in meinen Augen einfacher lösbar ist, zwei Elementarströme eines Transponders zu synchronisieren, als zwei Ströme über unterschiedliche Distributionswege.
Keine Frage, dass es für die Lösung des Full-HDs auch andere Methoden gibt, die vielleicht technisch einfacher und vor allem systemkonsistenter sind. Was ich an der Broadcast/Internetlösung der NHK so gut finde ist eben die bildgenaue Kopplung zweier unterschiedlicher Medien und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Die Übertragung des halben Full-HD-Bildes ist ja nur eine Form der Nutzung, es ließen sich genau so gut bildsynchron Untertitel, Beschreibungen, Übersetzungen, interaktive Steuerbefehle für den Laptop (oder Tablett) usw. übertragen. Bei einer gut funktionierenden und standardisierten Lösung mit den PTS bin ich sicher, dass sich bald eine Vielzahl neuer Apps entwickeln werden, mit Möglichkeiten, die ich mir selbst noch gar nicht in dieser Vielfalt vorstellen kann.
Netter Blog, gefaellt mir sehr.