„Die Quote“, der Wissenschaftsfilm, neue Ansätze
| 18. Juni 2011 | Veröffentlicht von admin unter Berichte |
Die Quote
30 Jahre Gestaltung von Wissenschaftsfilmen
Neue Produktionsformen und Neue Medien
Am 9. und 10. Juni 2011 fand in der Kunsthalle zu Kiel das Symposium “Archäologie und Film“ statt. Dabei ging es um eine kritische Betrachtung der Umsetzung filmischer Arbeit und der Präsentation dieser Filme im Museum, im Fernsehen, im Internet oder über DVD. Handwerk und Technik bei der Produktion sollten auf ihre ästhetische und dramaturgische Wirkung hin untersucht werden. Es war in der Tat eine interessante Veranstaltung, die vom Förderverein CinArchea und der Gerda-Henkel-Stiftung ins Leben gerufen wurde. Das Ganze hatte im Grunde genommen nicht nur mit der filmischen Aufarbeitung von Archäologiethemen, sondern mit Wissenschaftsreportagen ganz allgemein zu tun. Archäologie kann besonders gut stellvertretend dafür gesehen werden, weil es in der Bevölkerung ein starkes Allgemeininteresse an diesem Thema gibt. Die Teilnehmerzahl der Veranstaltung lag um die 50 Personen, vielleicht so wenig, weil es an ausreichender Werbung und Breiteninformation im Vorfeld mangelte und auch ich nur rein zufällig davon erfuhr und relativ spontan hinfuhr.
Das Programm im Einzelnen kann man bei Klick auf diesen Link sehen. Anders als in der Auflistung dort waren es aber eigentlich drei Haupt-Themen, in die ich diesen Bericht auch einteilen möchte: „Die Quote“ der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten (relativ unerwartet), Bilanz der filmgestalterischen Ausführungen und Neue Präsentations- und Produktionsformen.
Die Quote
Obwohl eigentlich über den Archäologiefilm der letzten 30 Jahre berichtend, gingen Tom Stern (Archäologe) und Thomas Tode (Filmemacher) auch auf die Akzeptanz der Sendungen und auf „die Quote“ ein. Sie berichteten, dass seit über 20 Jahren archäologische Themen zur besten Sendezeit, zur prime time, ausgestrahlt werden. 1982 etablierte sich mit „Terra X“ der Sonntag, meist um 19.30, als Sendeplatz. Das war bezüglich des Zuschauerinteresses ein erfolgreiches Konzept mit durchschnittlich 7,35 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von über 35%. Auch nach Einführung des Privatfernsehens 1984 blieben die Zuschauerzahlen annähernd konstant, ein Einbruch erfolgte erst nach Etablierung der Privatsender zwischen 1989 und 1991. Damals rutschte der Marktanteil zwar auf knapp 23%, immerhin noch mehr als 5 Millionen Zuschauer. 1996 erreichte Gisela Graichen mit der Reihe Schliemanns Erben zur Prime Time am Sonntagabend mit 4,7 bis 6,4 Millionen Zuschauern Traumquoten, mit Marktanteilen zwischen 14,1 und 18,5%. Aber das ist „Schnee von gestern“.
Dass die Freien TV-Sender auf die Quote schielen ist klar, für sie geht es um Werbung und um höhere Einnahmen, die bei höheren Zuschauerzahlen zu erreichen sind. Aber man fragt sich, warum die Öffentlichen, die sich anders finanzieren, auch auf die Quote schauen. Für sie gilt – so Stern – die Quote als ein Maß für die Zufriedenheit des Produkts.
Prof. Dr. Kerstin Stutterheim von der HFF Berlin stellte deshalb klar, dass man mit der Quote die quantitative und nicht die qualitative Reichweite von Fernsehprogrammen anhand der Zuschauerzahlen misst. Diese Werte ermittelt seit 1985 frei von jeglicher Konkurrenz die Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg. Es wird in 5640 deutschen Haushalten (HH) (5500 HH mit deutschen, 140 HH mit EU-Bürgern) mit zusammen etwa 13.000 Personen ab 3 Jahren ermittelt. Von denen sind (freiwillig) ihre persönlichen Interessen, Einkünfte usw. bekannt. Und diese 5640 Haushalte repräsentieren die rund 71 Millionen Menschen, die in Deutschland als Fernsehkonsumenten (ab 3 Jahren) angenommen werden (etwa 82 Millionen Bürger insgesamt). Die Referentin zeigte deutliche Zweifel daran, dass diese geringe Zahl die wirklichen Interessen des Fernsehkonsums widerspiegeln kann, vor allem meinte sie, dass man nur durchschnittliche Aussagen treffen dürfe und keine grundsätzlichen, wie das heute der Fall ist. Die Messungen werden von der GfK im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung durchgeführt. In dieser Arbeitsgemeinschaft sind die öffentlich-rechtlichen und die privaten TV-Sender vertreten – aber auch die werbetreibende Industrie und Agenturen haben ihre Vertreter im Vorstand. In den letzten fünf Jahren wurden 75 Millionen Euro in die Quotenmessung investiert.
Wie wird die Quote nun bewertet. Dazu zitierte sie Prof. Fengler in einem Interview aus dem Mai 2011 in dem er sagte, dass es politisch nicht zu rechtfertigen wäre, wenn ARD und ZDF keinen quantitativen Erfolg hätten.
Nun hat das das öffentlich-rechtliche gebührenfinanzierte Fernsehen einen speziellen Kulturauftrag, der zwar recht schwammig u.a. zum Beispiel so formuliert wird: Das Fernsehen soll künstlerische und kulturelle Entwicklungsvorgänge spiegeln, es soll eine kulturelle Identität stiften, es sollen auch Minderheiten und ihre Interessen dargestellt werden und anderes mehr. Es käme hinzu, dass das Schubladendenken in Form von (TV-)Formaten die Kreativität einengt, und auch wenig Spielraum für beispielsweise Wissenschaftsfilme und ähnliches (Archäologiefilme) böte. Das demokratische Fernsehen sei doch wohl eher eine sehr hierarchische Angelegenheit. Und Wissenschaftsfilme oder Filme mit archäologischem Inhalt passen nur dann dort hin, wenn sie dramatisch und spannend aufgepeppt werden, Infotainment statt Wissensvermittlung.
In einem nachfolgenden Referat, eigentlich hauptsächlich über TV-Produktionen, wollte die Referentin Dr. Elisabeth Milin, Fernsehredakteurin bei SWR in Stuttgart, doch diese Darstellung der Quote nicht unkommentiert lassen und ging eingangs ebenfalls darauf ein. Sie begann mit einer netten allerdings mehr kolportierend gemeinten These, dass nämlich der Zuschauer vom Fernsehredakteur erst seit der Einführung des Privatfernsehens 1984 bemerkt wurde. Bis dahin hatte er sich im selbst im Spiegel betrachtet und als Zuschauer wahrgenommen – sprich, als einen intelligenten und interessierten Menschen. Heute gelte auch beim öffentlich-rechtlichen der Satz des ehemaligen RTL-Chefs Thoma „Der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler“. Das heißt zur Programmgestaltung gehören auch Strategien zum Marketing einschließlich verstärkter Emotialisierung. Zwar könne man sich auf den Standpunkt zurückziehen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk gebührenfinanziert und ist deshalb die Frage nach dem Zuschauer gar keine Bedeutung habe. Dem stünde aber gegenüber, dass eine Institution, die in die Gesellschaft wirken soll ihre Relevanz verliert, wenn sie nicht mehr von denen wahrgenommen wird, für die sie eigentlich existiert. Und mit dem Relevanzverlust verlöre sie auch ihre Legitimation. Zum Zweifel an der Projektion dieser kleinen Gruppe zur Quotenmessung auf die Gesamtbevölkerung erinnerte sie daran, dass man dort die gleichen statistischen Analysen benutzt, wie sie auch bei der Wahlforschung üblich sind. Und diese Ergebnisse liegen doch in einer erstaunlich genauen Größenordnung, wenn man sie dann mit den realen Zahlen nach der Wahl vergleicht.
Zum zweiten erinnerte sie daran, dass in der vorhin zitierten Abeitsgemeinschaft für die Quotenermittlung private und öffentliche Fensehanstalten sitzen und deren Konkurrenzsituation schon eine gewisse Sicherheit böte, dass dort keine manipulativen Interpretationen zu Lasten oder Gunsten des einen oder anderen durchginge. Heute ist es auch sehr viel interessanter neben der Anzahl der Zuschauer, das Alter und ihr „Milieu“ (basierend auf dem so genannten Sinus-Milieu, siehe hier und dort) zu beurteilen. Zur Zeit liegt das Programm der ARD im Bereich des Konservativen, angestrebt wird die bürgerliche Mitte, die praktisch an ihren Randbereichen auch die anderen Milieus nicht überdeckt aber mit einschließt.
Das Thema der Quote oder ganz generell der Unzufriedenheit mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Deutschland wurde am nächsten Tag von dem Filmautor Christoph Boekel noch einmal aufgegriffen. „Wir bilden jedes Jahr eine viel zu große Anzahl von jungen Leuten aus, die von den Filmhochschulen kommen“. Und abgesehen von einigen, die „Karriere“ machen, arbeitet der große Rest danach als Taxifahrer oder Sekretärin. Fernsehanstalten wollen Filme mit oberlehrerhaften Kommentaren, halten die Zuschauer für dumm, kaschieren die handwerklichen Unzulänglichkeiten und leiden unter notorischer Clipsucht. Kurzum, sie verachten den Zuschauer und verleiten ihn zum Zappen. Na ja, sehr deftig und vermutlich auch bewusst in einigen Punkten übertreibend, sicher aber mit einem Funken Wahrheit im Kern. Auf die Frage nach seinem Vortrag, ob er denn vielleicht die Privaten besser fände, sagte er indessen „Das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen ist das Beste der Welt“. Und ob der allgemeinen Verblüffung nachschiebend „Aber genug ist nicht genug“.
Versucht man objektiv zu bleiben und zählt man die Minuten der Wissenschaftssendungen pro Woche zusammen, so kommen alledings bemerkenswerte Zahlen raus. Und seit Mai 2011 hat das ZDF zum Beispiel sein Abendprogramm reformiert und zeigt unter der einheitlichen Marke “ZDF Zoom” mittwochs“ hochwertige, investigative Dokumentationen” (Chefredakteur Peter Frey in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin “Focus”). Bei dem Konzept dieser Reihe werde man sich an der populären Wissenschaftssendung “Terra X” des ZDF orientieren. Und weiter im Interview: „Ich bin ein Anhänger der Quote.” Sie gebe darüber Auskunft, “wie wir mit unseren journalistischen Produkten beim Zuschauer ankommen”. Da ist sie wieder – „DIE QUOTE“
30 Jahre Gestaltung von Wissenschaftsfilmen
Die Mehrzahl der Vorträge befasste sich in Beispielen mit der Gestaltung von Wissenschaftsfilmen, insbesondere dem Thema der Tagung gerecht werdend mit Filmen über Archäologie. Die Ausführungen dazu waren fast unisono ähnlich, so dass sie hier vereinfacht zusammengefasst seien – ihre Bewertung war indessen nicht immer gleich.
Früher, vor 30 Jahren, ging es mehr darum, Bildung zu vermitteln, überwiegend in Form dröger Schwarzweiß-Filme und im schulischen Bereich anhand humorloser FWU-Filme. Sie waren weder interessant noch wissenschaftlich (Prof. Denzer). Die spätere Gestaltung wurde dokumentarischer und versuchte, auch die Menschen, in dem Falle die Archäologen, mit in die Darstellung mit einzubeziehen. Damals waren solche Bildungsfilme, oft als Vorfilme vor Spielfilmen, bei den Verleihern zu finden. Die Videotechnik hat die Filmerzählung vernichtet, sie soll von der ersten Minute an Spannung erzeugen, Infotainment stünde heute im Vordergrund. Gute Ausbildung für Dokumentarfilmer gäbe es wenig, die „Formate“ im Fernsehen pressen die Darstellung in eine bestimmte Dauer, unabhängig vom darzustellenden Inhalt.
In der Frühzeit des Fernsehens waren es meist ganz trockene Historiengeschichten, Anfang der 90er Jahre wurde der Redakteur zum Moderator, der durch die Sendungen führt. Sie forschen praktisch stellvertretend für den Zuschauer (Tode/Stern). Didaktik wurde groß geschrieben. Quiz, Begleitbücher und DVDs waren und sind im Gefolge. Dann kam der archäologische Abenteurer, der neben der Archäologie mit Skorpionen zu kämpfen hatte und mit Flugdrachen hoch in die Lüfte stieg.
Die Wissenschaftsfilme werden immer mehr zu medialen Geschichtsinszenierungen (Stutterheim). Inszenierungen in ähnlicher Form wie bei Krimis sollen das Interesse des Zuschauers wecken. Das Reenactment (Nachspielen z.B. historischer Handlungen mit Schauspielern) würde immer mehr den Platz gegenüber der Dokumentation einnehmen.
Stärker als in den Jahren zuvor fragt man sich beim Fernsehen, wie man den Zuschauer ansprechen kann. Was erwartet er? Sicher nicht mehr den allwissenden Redakteur, der erklärt. Warum deshalb nicht mal nach Hollywood schauen – schließlich weiß man dort, wie man das große Publikum fesseln kann (Milin). Warum sollte man die Theorie der sogenannten „Heldenreise“ nicht als Erzählstruktur weiter entwickeln. Dabei geht es um den unbekannten Helden, der seine gewohnte Umgebung verlässt um im unbekannten Draußen eine Aufgabe zu bewältigen. Wichtig ist, durch den Aufbau einer Handlung beim Zuschauer eine Art Identifikation mit dem Wissenschaftler und damit auch dessen Empathie nahe zu bringen. Der Wissenschaftler wird zum Protagonisten, der Zuschauer ist mittendrin.
Was ist das rechte Maß zwischen belehrend und emotionalisierend? Die französische Sprache kennt die Möglichkeit, etwas absolut gleich lautend als Frage oder als Meinung auszudrücken, je nach Betonung am Ende des Satzes. Ähnlich ging es mir hier bei den vielen Attributen, die einem die Referenten zuriefen. War der Betreffende nun für oder gegen mehr Reenactment, für oder gegen die emotionsgeladene krimiähnliche Form. Das war nicht sehr eindeutig und eben nur zwischen den Zeilen hörend oder besser ahnend in die eine oder andere Richtung zu interpretieren. Einzig und allein Tode/Stern fragten abschließend mal direkt, was macht denn nun einen guten Wissenschaftsfilm aus. Nach ihrer Meinung sollte er eine bessere Teilnahme des Zuschauers am subjektiven Empfinden (Freude, Enttäuschung) des Wissenschaftlers bieten, die Teamarbeit im wissenschaftlichen Bereich verdeutlichen, um das Ganze mehr als einen Prozess zu begreifen. Und für die Aufbereitung komplexer Darstellungen könne man durchaus auch die Visualisierung durch computergenerierte Bilder in Betracht ziehen. Weitere Wünsche: zielgerechter Duktus, viele Fragen aus der Sicht des Archäologen aufwerfend, damit sich der Zuschauer als Teamteilnehmer begreifen kann, mehr beobachtende Reportage, weniger in die Kamera als untereinander redend, Neugier auslösend.
Da, wo der Berichterstatter klarer formulierte Meinungen erwartet hätte, gab es sie nicht oder weniger. Umgekehrt ragte ein Beitrag aus meiner Sicht besonders heraus zu einem Thema, bei dem ich bislang – aus Erfahrung – nur Allgemeinplätze erwartete. Es ging um die Arbeit als Cutter. Selbst erfahrene und gute Cutter(innen) können selten ihre Arbeit erklärend und begründend darstellen. Natürlich gibt es Lehrbuchregeln, von denen man aber eben auch mal abweichen kann und sollte – denn für diesen Beruf (und nicht nur für diesen sondern für gestaltende Berufe allgemein) entscheidend ist nicht selten das „richtige Bauchgefühl“, das den Unterschied zwischen gut oder hervorragend ausmacht. Thomas Balkenhol, in Akara lebender und arbeitender freier Cutter, vermittelte anhand eigener Arbeiten seine Herangehensweise an einen Dokumentarfilm. Hier nur ein paar Stichwörter dazu, denn eigentlich bedarf es ergänzend seiner dargebotenen bildlichen Unterstützung: Von der Beschreibung der Landschaft zur Person, Fragen möglichst zwischen den im Film agierenden formulieren, um den Zuschauer an der Entwicklung teilhaben zu lassen. Text, wenn erforderlich als Kommentar ergänzend zum Bild und nicht das beschreibend, was der Zuschauer in und aus den Bildern direkt eh schon sieht. Wenn möglich, mit Originaltönen arbeiten (wird dann aber oft zu lang), mehr protokollierend arbeiten als inszenierend, neue Perspektiven einbringen und Freiräume für eigene Gedanken des Zuschauers lassen.
Neue Produktionsformen und Neue Medien
Über ein höchst interessantes Projekt wurde von zwei Vertretern der Gerda-Henkel-Stiftung berichtet. Es handelt sich um das interaktive Wissenschaftsportal L.I.S.A., einem Wortspiel von Lesen, Informieren, Schreiben und Austauschen und dem Vornamen der Gründerin dieser Stiftung Lisa Maskell, die 1976 zum Gedenken an ihre Mutter, Gerda Henkel, die Stiftung ins Leben rief. Ziel der Initiative ist es, sachrelevante Beiträge aus allen Bereichen der Geschichtswissenschaften, aus Archäologie und Kunstgeschichte zur Verfügung zu stellen. Das Portal stellt sich selbst sehr gut auf seiner Internetseite dar. Im Vortrag wurde L.I.S.A.video vorgestellt: Acht Teams von Wissenschaftlern, die in einem von der Stiftung geförderten Forschungsprojekt tätig sind, filmten bzw. filmen zurzeit ihre Forschungsarbeiten. Diese „Filmtagebücher“ werden professionell verarbeitet und episodenweise auf L.I.S.A. veröffentlicht.
Das Interessante daran ist die Symbiose zwischen dem Wissenschaftler und dem Videoprofessional. Die Wissenschaftler wurden vorab im Umgang mit einer relativ preiswerten kleinen aber technisch durchaus höherwertigen Videokamera geschult und mit einigen Tipps für die Aufnahmen versehen. Sie kehren mit der Videokamera zu ihrem Projekt zurück, um dort über den gesamten (langen) Projektzeitraum relevante Arbeiten, Ergebnisse, Gespräche – also eben eine Art Filmtagebuch (ohne den Anspruch auch wirklich täglich was liefern zu müssen) zu erstellen. Die Bilder und O-Töne (das ist wohl einer der technischen Schwachpunkte bei der Realisierung) werden an die sie betreuende Online-Redaktion geschickt, die aus dem Material kurze Zusammenfassungen erstellt, die zusammen dann zu einem längeren Film verdichtet werden. Die Redaktion steht ihnen auch für Fachfragen online zur Verfügung. Die Kombination, den Wissenschaftler (also den fachlich versierten) selbst vor Ort die wichtigsten Dinge und sein Umfeld aufnehmen zu lassen, das Projekt über einen längeren Zeitraum begleiten zu können (für ein Fernsehteam allein von den Kosten her nicht möglich) zusammen mit dem fachlichen Know-how des Redakteurs, des Cutters, des Tonmannes, des Sprechers usw. zu Hause zu verbinden, ist eine wunderbare Idee und ein völlig neuartiger Ansatz, der es verdient beobachtet und auch möglicherweise von anderen übernommen zu werden. Ein sehr schönes Beispiel dafür finden Sie hier.
Viel erwartet wurde (von mir) vom Vortrag von Dr. Martin Emele von ProSieben Sat1, bei dem es um die „Wertschöpfung 2.0“ ging, also zu gut Deutsch, um die Verwertung des Wissenschafts- und des Archäologiefilms im speziellen. Heute fängt man mehr Leute durch technische Innovationen, wie zu Beispiel HDTV und 3D, ein und durch die Emotionalisierung des Programms. Aufwendige Dokumentationen müssen massentauglich sein und ein starkes Erlebnis bieten. Also: Pimp to Doku oder „wir brauchen einen neuen Däniken“. Die multimediale Nutzung ist eine Seite aber relativ leicht heute beherrschbar, die wirtschaftliche Verwertung hingegen eine andere. Die sind nun mal nicht kongruent. Als erstes müsste solches Material englischsprachig sein, dann könnte man an Archäologie-Apps denken (Podcast), vielleicht fände sich dafür ein Sponsor, der damit wirbt? Am einfachsten wäre es, entsprechende youtube-Filme in sein Webangebot aufzunehmen, vielleicht ließe sich eine deutsche Wissenschaftscommunity mit einem Verlag aufbauen. Das eigentliche Problem sei, dass der Anwender alles kostenlos im Web erwarte. Er wird nicht bereit sein, dafür zu bezahlen oder wenn, dann zumindest nicht so viel wie es nötig wäre. Als Fazit seines Vortrags hatte ich mir notiert: Skeptisch ohne Ausblick. Interessant noch seine Antwort auf die Frage eines Teilnehmers, hinsichtlich der Schutzrechte solcher Sendungen. Sie – die Schutzrechte, so Emele – seien im Internet real nicht durchzusetzen (so unmissverständlich klar habe ich das noch nie gehört).
Fazit
Was bedeutet die Forderung nach Demokratisierung der Quote? Eine frei abbildbare Quote ist eine Form der Demokratisierung und die steht zugegeben nun mal leider nicht auf die Hinwendung zum kulturell Anspruchsvollen, sondern deutet eher auf das Gegenteil hin. Aber Freiheit bedeutet auch immer die Freiheit des anderen. Deshalb müsste man umgekehrt Minderheitenschutz für anspruchsvolle Sendungen fordern. Den vermisse ich, und dafür wurden wenn ich mich recht erinnere auch mal die 3. Programme gegründet.
Dass man Wissenschaftsfilme vom Anspruch her lebendig und anschaulich vermitteln sollte steht doch wohl außer Frage, auch, aber eben nicht nur, um bei jungen Menschen ihr Interesse daran zu wecken. Wissenschaft kann vieles und vieles kann sie nicht, man muss auch ihre Grenzen und deren Gefahren aufzeigen. Blinder Glaube an die Wissenschaft – das wäre fatal. Wir alle leben nicht mehr im Stummfilmzeitalter, haben uns an die Bildersprache gewöhnt und deren Vielfalt bei der Darstellung ist grundsätzlich kein Mangel, sondern eine Bereicherung. Jede Ansprache verlangt von denen, die den Film machen, auch die Auseinandersetzung um die optimale Form der Präsentation – und die kann individuell je nach Situation sehr unterschiedlich ausfallen.
Eigentlich noch ziemlich hilflos schließlich stehen wir vor den so genannten „neuen Medien“. Sie bieten stärker als jede andere Form seit der Erfindung des Buchdrucks eine Demokratisierung und enorme Entfaltungsmöglichkeiten für den Einzelnen mit riesigen Freiheiten. Gleichzeitig sind damit verbunden große Gefahren für den Einzelnen selbst und die Gemeinschaft. Hybride Lösungen zwischen zum Beispiel dem Internet und Fernsehen oder auch anderen Institutionen bieten eine recht sinnvolle Erweiterung. Ob man überhaupt und wenn ja, wie man damit „das große Geld“ verdienen kann, weiß so genau noch niemand. Und das ist doch auch sehr tröstlich – oder?
© Norbert Bolewski
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Lieber Herr Bolewski,
über Ihren langen Blog habe ich mich sehr gefreut, auch wenn Sie meinen Beitrag nicht berücksichtigt haben, aber Sie haben mein Anliegen, meine Konzeption, die ich mit Cinarchea seit Beginn 1994 verfolge,richtig verstanden, dass ich nämlich Archäologie hier nur als Paradigma für einen Wissenschaftsbereich ansehe, auf den dann filmische Kriterien angewendet werden. Ich finde Ihren Text als sehr respektable Leistung, die wir sofort an unsere Mitglieder und Interessierte weitergeleitet haben. Schade, dass Sie nie bei Cinarchea dabei waren. Ihre Vermutung, es seien wg. fehlender Werbung so wenig Leute gekommen, ist allerdings völlig falsch. Auch zu den Festivals kamen keine Kieler Archäologen, obwohl wir wohl keine Informationsmöglichkeit ausgelassen haben.
MfG
Ihr Dr. Kurt Denzer.