1,5 kg Filmhochschulen in Deutschland
| 30. August 2011 | Veröffentlicht von admin unter Berichte |
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Von Prof. Peter C. Slansky ist jüngst sein neues Buch „Filmhochschulen in Deutschland – Geschichte, Typologie, Architektur“ erschienen. Es wiegt knapp 1,5 kg und hat rund 850 Seiten. Diese beiden Angaben sagen eigentlich wenig über ein Buch aus – oder doch? Denn man fragt sich ob des Umfangs wegen schon, wie kann man so viel über dieses Thema schreiben und vermutet, und zwar keineswegs zu Unrecht, dass der Autor – selbst Professor an der Filmhochschule München – sich außerordentlich tief und mit großer Akribie dem Thema Filmhochschulen nähert. Das Thema ist denn auch weitaus komplexer als man denkt, denn der Wunsch nach einer ersten Filmhochschule entstand in Deutschland schon sehr früh, schon 1920, also gerade Mal 25 Jahre nach der Erfindung der Kinematographie, und die Ausrichtung bzw. Ausprägung der Filmhochschulen war in den vielen Jahrzehnten höchst unterschiedlich. Das Buch ist – das sei vorab klargestellt – kein Studienführer, um interessierten Studenten Hilfestellung für ihr Studium als Regisseur, Kameramann oder ähnlichen Berufen zu geben, sondern eine historische Betrachtung der Filmschulen (und eben nicht nur Hochschulen nach dem Rahmen des Hochschulgesetzes) im Sinne ihrer gestalterischen und ihrer dem jeweiligen Zeitgeist entsprechenden Aufgabenstellung. Und es ist dem Autor gelungen, diese übergeordnete Betrachtungsweise auch auf eine höchst interessante Weise verständlich und insofern auch die dazu gehörige Filmhistorie erlebbar werden zu lassen.
Bereits gleich nach der Gründung der DKG (Deutsche Kinotechnische Gesellschaft) 1920 wurde als eine ihrer Aufgaben zwar die Gründung einer Filmschule postuliert, die aber letztlich nur zu einer Versuchs- und Lehranstalt für das gesamte Filmwesen der TU Berlin-Charlottenburg mit einem Lehrauftrag Kinotechnik führte. Die ursprüngliche Idee einer umfassenden Deutschen Filmhochschule, die auch die künstlerischen und wirtschaftlichen Belange des Films berücksichtigt, scheiterte. Es ist sehr interessant zu lesen, wie gut der Autor die verschiedenen früheren Sichtweisen und mehrere neue Anläufe anhand der damaligen Persönlichkeiten dieser jungen Filmkunst und -technik darstellt. Ganz anders in München, wo fast zeitgleich die Idee einer Filmschule entstand und tatsächlich 1921 auch realisiert wurde. Zwar nicht als Hochschule sondern mehr nach Art einer Gewerbeschule in einem eigenwilligen Konstrukt, das aber, und das ist wesentlich, Filmtechnik einerseits und Regie, Darstellung, Filmgeschäft und Filmrecht in Abteilungen der Schule gleichwertig zu lehren versucht. Nach zehn Jahren stellte sie ihren Betrieb ein, die Analyse ihres Scheiterns wird sehr klar herausgearbeitet. Neben den technischen und wirtschaftlichen Gründen sind es – wie sollte es in Deutschland anders sein – kommende politische Einflüsse, die ab 1933 einwirken. 1938 wurde die deutsche Filmakademie Potsdam-Babelsberg ins Leben gerufen, von der der Autor schreibt, dass sie als das nationalsozialistische Gegenstück zum Bauhaus interpretiert werden kann. Von der Konzeption her hätte sie – institutionell wie architektonisch – die didaktisch ausgefeilteste Filmhochschule werden können. „Sie scheiterte an ihrer Überdimensioniertheit“… denn, „zum ersten Mal wurde die Gründung einer künstlerischen Hochschule neuen Typs mit einem Hochschulbau neuen, eigenen Typs verknüpft“. Die Verbindung zwischen Filmhochschule und ihrem architektonischen Aufbau ist eine besondere Betrachtungsweise des Autors.
Zwei Drittel des Buches beschäftigen sich dann mit den Filmhochschulen im Nachkriegsdeutschland. Die erste Gründung war die Deutsche Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg (DHF), die spätere HFF, die die einzige Filmhochschule der DDR war und blieb. Da der Film und später noch weitaus mehr das Fernsehen ein starkes Instrument der politischen Agitation ist, treten in diesem relativ langen Kapitel über diese Hochschule auch die Unterschiede der politischen und gesellschaftlichen Grundanschauungen der beiden deutschen Staaten sehr deutlich zutage und deren Probleme in der Hochschule selbst. Dieser Teil ist insbesondere auch für diejenigen, die in der Bundesrepublik Deutschland lebten, interessant, weil während der DDR-Zeit wenig Interesse an dem Thema daran bestand und die Kenntnisse (und Erkenntnisse) entsprechend gering sind.
In der Bundesrepublik bildete sich als erstes das Deutsche Institut für Film- und Fernsehwissenschaft in München, das ab 1954 als Institut für Filmwesen ein Lehrangebot vermittelte. Allerdings war diese Filmhochschule doch deutlich mehr theorielastig, und als dieser Ansatz noch weiter verstärkt werden sollte zu Lasten der Praxisvermittlung gibt es sehr kontroverse Auseinandersetzungen sowohl mit dem Lehrkörper als auch mit den Studenten. Ende der 50er bis Ende der 60er Jahre kommt es zu enormen Rückgängen des Filmtheaterbesuchs in Deutschland, die einerseits mit der zunehmenden Bedeutung des Fernsehens zusammenhängen, zum anderen aber auch mit dem Filmangebot, das durch den Begriff „Schnulzenfilm“ gekennzeichnet sei. Der Autor verweist zu Recht, auf den aufkommenden Aufbruch, eingeleitet aber nicht nur durch wie der Autor meint die Kurzfilmtage in Oberhausen, die fast schon Kult wurden, und in deren Kinos auch der Rezensent so manch lange Nacht lagerte, sondern auch ausgelöst durch die zwar in Deutschland nicht wirtschaftlich hervortretenden aber künstlerisch hochwertigen und dazu noch in der Herstellung preiswerten französischen Filme der Nouvelle Vague. Aus ihnen schöpften dann die Regisseure des neuen deutschen Films einen großen Teil ihres Filmverständnisses. Auf sie geht das Buch nach einem Zwischenblick auf die Filmhochschule für Gestaltung in Ulm (1963-1968) dann auch sehr dezidiert und ausführlich ein.
Die Jahre 1967 bis 1969 waren durch die Studentenunruhen stark geprägt. Ich selbst habe zum Teil das Jahr 1968 an der neu gegründeten DFFB (Deutsche Film- und Fernsehakademie) miterlebt, die dem Bürger zu Unrecht als links und kommunistisch unterwandert dargestellt wurde, allerdings wurde in dem Jahr weit mehr diskutiert als dass es einen „ordentlichen Lehrbetrieb“ gab. Aber die gesellschaftlichen Kontroversen führten zu einer bis dato nicht vorhandenen geistigen Freiheit, die sich auch und gerade im Filmbereich auszudrücken vermochte. Auf der anderen Seite Berlins führte die Entspannungspolitik Willy Brandts zur Hoffnung auf Liberalisierung in der DDR und auch bei den Medien, die sich in dieser Form aber nicht bewahrheitete. Und schließlich entwickelte sich aus einer nach außen hin kaum wahrgenommenen Hochschule für Film und Fernsehen in München eine sehr bemerkenswerte Ausbildungsstätte, mit hervorragenden Fachleuten. Über all das berichtet Slansky sehr informativ und spannend. Er berücksichtigt vorbildlich dabei das sich wandelnde jeweilige gesellschaftliche und politische Umfeld. Tatsächlich führten die kommenden zehn Jahre auch wirklich zu einem Wandel im deutschen Film. Auch die Fernsehlandschaft änderte sich: „Nordrhein-Westfalen wird Medienland“ überschreibt er dieses Kapitel.
Nach dem Zusammenschluss beider deutscher Staaten wird vor allem der Weg der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg ausführlich geschildert. Fast zeitgleich mit der Wende muss sich durch den Tod ihres Leiters Heinz Rathsack die dffb (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin) neu orientieren. Und auch bei der HFF in München gibt es Umstrukturierungen. Die Kunsthochschule Köln wird gewürdigt. Es folgt – etwas verblüffend – ein relativ langer Teil über die fernsehtechnische Entwicklung bis hin zu HDTV und in dem Zusammenhang die „High Definition Oberhausen“ 1988-2003. Zu dem für den Fernsehregisseur Michael Pfleghar (Suizid) tragisch verlaufenden Bericht des Scheiterns des Projekts, in dem Millionen Steuergelder versenkt wurden, liegen Slansky persönliche Aufzeichnungen des Regisseurs zugrunde, die meines Wissens bislang noch nicht wissenschaftlich aufgearbeitet wurden. Ob das Debakel darüber wirklich in ein Buch über Filmhochschulen gehört, weil in Oberhausen auch ein Forschungs- und Ausbildungszentrum geschaffen werden sollte, darüber ist sich der Rezensent unschlüssig. Die Sache selbst würde eigentlich sogar eine Ausarbeitung als eigenständige Publikation (oder gar als Film) rechtfertigen. Aber vielleicht wird jemandem, der diese Zeit nicht selbst erlebt hat, das mediale Umfeld der 90er Jahre begreiflicher.
Das neue Jahrtausend wird zu Recht als Film im Zeichen seiner Digitalisierung beschrieben. Es behandelt das Kamerastudium an der FH Dortmund (1992-2008) und die Internationale Filmschule Köln sowie die Filmakademie Ludwigsburg, die Hochschule für Medien in Stuttgart und die Media School in Hamburg, leider – wenn auch in der Einleitung begründet erwähnt – nicht die German Film School, die nach dem Tod ihres Gründers Bernd Willim – graduell fein dosiert platt gemacht wurde. Schließlich nimmt der Erweiterungsbau der HFF in München vielleicht etwas ungewöhnlich viel Platz ein, was verständlicher wird, wenn man weiß, dass der Autor als Professor der HFF nicht unmaßgeblichen Anteil daran hatte.
Abschließend geht er auf eine vergleichende Betrachtung der Filmhochschulen und auf die Schwierigkeit eines Rankings von Kunsthochschulen generell ein.
Das Buch ist zwar auch eine Fleißarbeit, aber in Wirklichkeit weit mehr. Denn der Autor hat es nicht nur geschafft, eine ungeheure Fülle an Informationen zu finden und zu sichten, er hat es vor allem verstanden, die komplexen Vorgänge durch die Art seiner Darstellung profund und informativ zu vermitteln. Er bietet dem Leser nicht nur Fakten sondern auch Analysen und Interpretationen, die die Filmhistorie und die Entwicklung des Films und Fernsehens in Deutschland über eine vollkommen andere Ebene als die bislang übliche rein künstlerische oder rein technische Form erfassen. Es wäre vielleicht günstiger gewesen, dies im Untertitel deutlicher kenntlich zu machen. In jedem Fall ist es im wahrsten Sinne des Wortes ein schwergewichtiges Buch, das ich trotzdem sicher noch öfter gerne in die Hand nehmen werde.
© Norbert Bolewski
Peter C. Slansky: Filmhochschulen in Deutschland – Geschichte, Typologie, Architektur. 2011, 852 Seiten, mit zahlreichen Schwarz-Weiss-Abbildungen, 15,1 x 22,8 cm, kartoniert, Edition Text und Kritik, ISBN-10: 3869161167 ISBN-13: 9783869161167, Preis 48,00 Euro
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